Skandal! Öffentliche Empörung und die (digitalen) Medien

14. November 2018, Bertelsmann Repräsentanz (Unter den Linden 1), Berlin

Normen gelten als gesellschaftliche Einigung über ein Verhalten oder einen Zustand, den alle möglichst einhalten sollten. Wie aber schafft man es in einer pluralistischen Gesellschaft die Menschen zum Einhalten von Normen zu bewegen? Bei klaren Gesetzesübertretungen drohen immerhin Strafen oder sonstige harte Konsequenzen – vorausgesetzt, das Fehlverhalten fliegt auf. Steuerhinterziehung zum Beispiel galt lange Zeit als Kavaliersdelikt und schien, wie zahlreiche CDs von Steuerbetrügern belegen, eine Art Volkssport gewesen zu sein. Dann aber gab es seit 2008 eine Reihe von Prominenten, von Klaus Zumwinkel über Alice Schwarzer bis Uli Hoeneß, die aufflogen - und das perfekt medial inszeniert. Derartige Skandale, über die die Medien informieren, prangern Normverletzungen und Ungerechtigkeiten an. Sie tun dies auch, indem sie Empörung auslösen oder gar provozieren. Als im Koalitionsstreit über die Entlassung von Verfassungsschutzpräsident Maaßen herauskam, dass dieser zwar sein Amt verliert, aber für seine Reaktion über die Ereignisse in Chemnitz mit dem Amt des Staatssekretärs im Innenministerium auch noch belohnt werden sollte, entstand eine derartige öffentliche Empörung, dass sich Andrea Nahles gezwungen sah, den Kompromiss zu kündigen.

Diese Beispiele zeigen, dass die mediale öffentliche Empörung sowohl über eindeutige Gesetzesübertretungen als auch über gefühlte Ungerechtigkeiten das Wertesystem einer Gesellschaft hinterfragt und verhandelt. Veränderte mediale Kommunikationswege haben dazu geführt, dass nicht mehr nur die professionellen Medien als Seismograph für Normverletzungen fungieren. Jeder Einzelne kann dies nun öffentlich tun. Und nicht mehr nur prominente Persönlichkeiten sind im Fadenkreuz öffentlicher Empörung. Das Anprangern, Diffamieren und Diskreditieren hat im digitalen Zeitalter auch gegen gänzlich Unbekannte mächtig an Fahrt aufgenommen. In rasender Geschwindigkeit verbreiten sich `Beweise eines Fehlverhaltens´ via eingestellter Fotos, Videos sowie Sprachbeiträgen und kreieren Wut und Empörungsgemeinschaften, die ohne jede Verhältnismäßigkeit individuelle Schicksale bestimmen können. Wolfgang Schmidbauer entwirft hierfür den Begriff der Helikoptermoral:  Anklage ist Schuldspruch, die klassische Unschuldsvermutung fällt unter den Tisch.

Denn Empörung orientiert sich nicht an Fakten allein. Es geht oft auch um Gefühle. Für den gesellschaftlichen normativen Wandel ist weniger der Skandal, sondern der Grad der Empörung ausschlaggebend, die daraus folgt. Welche Ereignisse lösen also öffentliche Empörung aus? Welche nicht? Wem nutzt, wem schadet der Eklat? Und sind die neuen medialen Empörungskanäle der Verhandlung gesellschaftlicher Normen und Werte dienlich? medien impuls will diesem Phänomen auf den Grund gehen.

Programm

14.30 Uhr Anmeldung

15.00 Uhr
Begrüßung: Prof. Joachim von Gottberg (Geschäftsführer FSF)

15.05 Uhr
Von der Moral der Empörung zum Moralismus des Skandals. Ein begrifflicher Leitfaden:
Prof. Dr. Arnd Pollmann (Alice Salomon Hochschule)

15.30 Uhr
Entstehung, Struktur und Wirkung von Skandalen in den (neuen) Medien:
Dr. André Haller (Universität Bamberg)

16.00 Uhr Pause

16.30 Uhr
Talk mit:
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Medienwissenschaftler, Universität Tübingen),
Dr. Wolfgang Schmidbauer (Psychotherapeut, München),
Prof. Dr. Arnd Pollmann (Moralphilosoph) und
Dr. André Haller (Kommunikationswissenschaftler)

Ca.18.30 Uhr Empfang

Tagungsmoderation: Christine Watty