International Classifiers Conference 2015: Jugendschutz in globalisierten Medienwelten

Internationale Konferenz zur Zukunft der Altersfreigaben

Berlin, 6.10.2015. Am 1. und am 2. Oktober fand in Berlin die „International Classifiers Conference 2015“ statt. Siebzig Teilnehmer aus neunzehn verschiedenen Ländern diskutierten die titelgebende Frage „Medienregulierung aus europäischer Perspektive: Bewegen wir uns von der Vielfalt hin zu einer Harmonisierung der Alterskennzeichnung?“. Gastgeber waren die vier deutschen Selbstkon­trollen Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) und Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK).

„Eine effiziente Selbstkontrolle erfordert heute mehr denn je internationales Handeln“, betonte Prof. Dr. Murad Erdemir, Stv. Direktor der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen), in seiner Begrüßungsrede. Allerdings werde der notwendige Weg hin zu einem internationalen Standard des Jugendmedienschutzes ohne Kompromisse nicht möglich sein.Kompromisse seien unabdingbar beim gegenseitigen Lernen und beim Überwinden kultureller Gren­zen.

Dr. Tobias Schmid (Vorstandsvorsitzender des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien [VPRT] und Bereichsleiter Medienpolitik der Mediengruppe RTL Deutschland) plädierte in seinerKeynote „Jugendschutz in konvergenten Medienwelten: Ökonomische Perspektive“ dafür, Jugend­schutzstrukturen und -gesetze künftig stärker an den zu schützenden Werten und nicht an den Ver­breitungswegen auszurichten. Schutzzweck und Schutzadressat müssten wieder in den Fokus rü­cken. Fernsehen sei in Deutschland stark reguliert, im Internet hingegen, wo es die wirklich schädi­genden Inhalte gebe, finde kaum eine Regulierung statt.

Patricia Manson (European Commission DG Connect, Head of Unit Inclusion, Skills & Youth) vertrat die Perspektive der Europäischen Medienpolitik zum Thema „Jugendschutz in konvergenten Medi­enwelten“. Sie stellte verschiedene Programme und Strategien der EU zur Förderung von Medien­kompetenz und Kritikfähigkeit bei Kindern vor. Ziel sei es, den Schutz von Konsumenten und Nutzern zu verbessern (z.B. durch Regelungen zu Diskriminierung und hate speech im Internet) und insge­samt eine Harmonisierung zu erreichen: EU-Regulierung, Regulierung im Herkunftsland und Selbst­regulierung müssten ausbalanciert werden.

Bereits am ersten Tag zeichnete sich ab, dass die scheinbar gegensätzlichen Paradigmen „Algorith­mus“ und „Diskurs“ nur im Zusammenspiel zukunftsweisend sind:

Auf der einen Seite entstehen zunehmend auf internationalen Kooperationen basierende, automati­sierte Klassifizierungssysteme (z.B. PEGI, IARC, You Rate It), bei denen Entwickler und Anbieter ihre Apps, Filme oder Computerspiele selbst einstufen. Aus den Antworten eines Fragebogens zu potenziell beeinträchtigenden Inhalten des jeweiligen Angebots wird aufgrund von mathematischen Lösungsschemata (Algorithmen) eine Altersfreigabe errechnet und eventuell ergänzt durch Inhalts­deskriptoren wie z.B. Piktogramme für Sex, Gewalt oder Angst. Je nach Land kann dabei eine un­terschiedliche Altersfreigabe herauskommen, denn nationale Besonderheiten und kulturelle Unter­schiede werden in den Algorithmen berücksichtigt. Einige dieser Klassifizierungssysteme wurden auf der Konferenz vorgestellt.

Auf der anderen Seite gibt es nach wie vor in den einzelnen Ländern nationale Jugendschutzinstitu­tionen (organisiert als staatliche Medienaufsicht oder als Selbstkontrollen), die Altersfreigaben ver­geben. Dies geschieht auf der Grundlage von Gremienentscheidungen, nach Diskussion des jewei­ligen Inhalts im Einzelfall. In der gesellschaftlichen Diskussion um Jugendschutz und hinsichtlich der Förderung von Medienkompetenz spielen diese Institutionen eine zentrale Rolle.

Für die automatisierte auf Fragebogen basierende Selbstklassifizierung spricht, dass die Masse an Inhalten, insbesondere im Internet, gar nicht anders zu bewältigen ist. Eltern können ein Filterpro­gramm installieren, sodass ihre Kinder nicht mit für sie ungeeigneten Inhalten in Berührung kommen. Nachteile werden gesehen in der Tendenz zum „Overblocking“ – die errechneten Alterskennzeichen wurden von den Teilnehmern der Konferenz teilweise als zu streng angesehen. Konsens bestand dahin gehend, dass Jugendschutz als Eingriff in die Meinungs-und Informationsfreiheit Teil eines demokratischen Prozesses und von öffentlichen Diskussionen bleiben muss. Er sollte nicht vollstän­dig in die Hand von Unternehmen gegeben werden.

Stephan Dreyer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hans-Bredow-Institut (HBI), fasste unter dem Ti­tel „Von der Vielfalt zur Harmonisierung? Europäische Trends im Jugendschutz und Modelle inter­nationaler Zusammenarbeit“ den Status quo in Europa zusammen und stellte eine starke Fragmen­tierung in verschiedene Ansätze und Modelle fest. Er plädierte dafür, funktionierende Ansätze (good practices) zu identifizieren und eine Strategie der schrittweisen Harmonisierung durch Zusammen­arbeit zu verfolgen.

Beispielhaft für die globale mediale Entwicklung und das Zusammenwachsen von Medientypen, Ju­gendschutzsystemen und Modellen wurde von den Teilnehmern entschieden, den ursprünglichen Namen „European Conference of Film Classification“ zu ändern in „International Classifiers Con­ference“, um nicht zuletzt über diese Konferenz die derzeitigen Veränderungsprozesse noch besser in den Fokus nehmen zu können.

Weitere Informationen zur Veranstaltung sowie Bildmaterial finden Sie auf der Website und im Blog der FSF.