Hilflose Eltern – hilflose Regulierung? Jugendmedienschutz im Praxischeck

Hilflose Eltern – hilflose Regulierung? Jugendmedienschutz im Praxischeck

Am 17. April ging es beim medien impuls darum, das Jugendmedienschutzsystem einem Realitätscheck zu unterziehen. Zur Begrüßung schlug FSM-Geschäftsführer Martin Drechsler den Bogen von Bill Gates' zutreffenden Vorhersagen für die digitale Welt in seinem Buch "The Road Ahead" hin zum Jugendmedienschutz, der ebenfalls auf Prognosen für Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche basiert. Der Jugendmedienschutzindex der FSM, der Diskussionsausgangspunkt für die Veranstaltung war, liefert mit seinen Ergebnissen verlässliche Zahlen, um diese Prognosen einschätzen zu können. Dabei ist eine wichtige Erkenntnis aus dem Index, dass Eltern sehr unterschiedlich sind und unterschiedliche Einstellungen, Befürchtungen und Erwartungen haben. Dieser Unterschiedlichkeit müssen wir auch im Jugendmedienschutz gerecht werden. Aus diesem Grund suche die FSM nach zielgruppenspezifischen Antworten und Informationen – z.B. mit dem neuen Angebot „Internetgudie für Eltern“. Genauso unterschiedlich wie Eltern und Familien sollten daher auch die Wege des Schutzes sein. Denn: Die Instrumente und Mechanismen müssen in der Familie durch die Eltern umgesetzt und verstetigt werden. Aber um Eltern auch ein Stück zu entlasten und sie zu unterstützen, dürfe nicht die komplette Verantwortung auf ihnen lasten lassen. Klar ist: Auch Anbieter, Regulierung und Politik müssen ihrere Verantwortung nachkommen – z.B. auch in der Verstetigung der zahlreichen und guten Initiativen, die es bereits gibt. Christa Gebel vom JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis gab einen Überblick über die Ergebnisse und lieferte damit den Impuls für die folgenden Diskussionen. Die Mediennutzung Heranwachsender und die Medienerziehung in der Familie standen dabei im Mittelpunkt.

Die erste Paneldiskussion mit Marie-Teresa Weber (Facebook), Claudia Mikat (FSF) und Stefan Schellenberg (JusProg) beschäftigte sich mit praxisorientierten Ansätzen für einen Jugendschutz im digitalen Zeitalter. Es ging hier insbesondere um die Elternverantwortung: Was sind die Pflichten von Eltern, welche Hilfsmittel können Eltern an die Hand gegeben werden? Claudia Mikat stellte fest, dass vielen Eltern der Überblick über die Angebotsvielfalt fehle. Sie setzte sich dafür ein Eltern stärker einzubinden, damit sie ihrer Erziehungsverantwortung auch gerecht werden können. Dabei können Symbole und Deskriptoren helfen, also eine Art "Jugendmedienschutz-Visitenkarte" für Produkte. Marie-Teresa Weber konstatierte, dass sich Facebook der großen Verantwortung gegenüber Heranwachsenden und Eltern bewusst sei. Sie schätze insbesondere im Bereich der Medienbildung die Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Institutionen, z.B. mit fragFINN und FSM. Stefan Schellenberg stellte klar, dass Schutzgüter unterschieden werden müssen, weil sie unterschiedliche Maßnahmen erfordern. Technische Lösungen eignen sich nach ihm eher bei öffentlich zugänglichen Inhalten als bei Kontakt- oder Kommunikationsrisiken. JusProg kümmere sich vor allem um den Jugendmedienschutz, nicht allgemein um alle Belange des digitalen Jugendschutzes. Claudia Mikat gab in diesem Zusammenhang das oft zitierte Stichwort „Intelligentes Risikomanagement“: Geschützte, sichere (Surf-)Räume für die Jüngsten, aber für ältere Kinder und Jugendliche mehr Partizipation und Eigenverantwortung bei den Angeboten. Sie gab gleichzeitig auch den Hinweis, dass ein Jugendmedienschutzmarketing nötig wäre. Ein Imagewandel könne dann wiederum zu Wertschätzung des Jugendmedienschutzes führen.

Die Abschlussdiskussion mit Bettina Bundszus (Abteilungsleiterin Kinder und Jugend Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), Martina Hannak (Vorsitzende Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien), Heike Raab (Staatssekretärin und Bevollmächtigte des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund und in Europa, für Medien und Digitales) und Martin Drechsler (Geschäftsführer FSM e.V.) beschäftige sich mit der Praxistauglichkeit der Gesetze im Jugendschutz. Bettina Bundszus stellte fest, dass Eltern zurecht wahrnehmen, dass sie beim Jugendmedienschutz mehr Unterstützung brauchen. Deshalb habe das Thema eine klare Verankerung im Koalitionsvertrag erfahren. Es geht ihr dabei um zukunftsfähige Regeln, die über Staatsgrenzen hinausgehen. Das neue Jugendschutzgesetz solle im Dialogprozess entstehen und ein langfristig haltbares Gesetz werden. Heike Raab stellte fest, dass die tradierten Einrichtungen des Jugendmedienschutzes und der Medienkompetenz zeigen, dass wir nicht in den Kinderschuhen stecken. Aber dass es auf wichtige neue Herausforderungen noch nicht immer die passenden Antworten gäbe. Diese Herausforderungen müssen interdisziplinär gelöst werden. Dabei wollen die Länder auch mit dem Bund zusammenarbeiten. Martina Hannak informierte über den neuen Fachbereich "Weiterentwicklung des Jugendmedienschutzes, Prävention und Öffentlichkeitsarbeit" der Bundesprüfstelle und stellte klar, dass sie einen übergreifenden Diskurs mit allen Akteuren zu aktuellen Herausforderungen im Jugendmedienschutz führen möchte. Martin Drechsler schlug vor, auch mal neue Wege zu gehen. Die gesetzlichen Möglichkeiten konzentrieren sich momentan auf klassische Websites. Die Praxis sehe aber anders aus. Die Nutzungskompetenz bei Kindern sei sehr ausgeprägt, also plädierte er dafür, die Kinder auch stärker einzubinden und mitgestalten zu lassen.

Die Journalistin Christine Watty führte als Moderatorin durch das Programm. Der medien impuls ist eine gemeinsame Veranstaltungsreihe mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

Fotos: Sandra Hermannsen