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Recht & Psychologie: Beurteilung von Internet-Foren für Menschen mit Essstörungen aus Jugendmedienschutzsicht
1. Worum handelt es sich bei Essstörungen?
Es wird zwischen drei Arten von Essstörungen unterschieden:
- Magersucht (Anorexia nervosa)
- Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)
- Krankhaftes Übergewicht
Mager- und Ess-Brech-Sucht sind schwere psychische Erkrankungen mit gravierenden psychischen und physischen Begleiterscheinungen.
Die Mager- und die Ess-Brech-Sucht treten vor allem bei jüngeren Menschen im Alter von 15-30 Jahren auf, 90-95 % der erkrankten Personen sind weiblich und gehören vor allem der Mittelschicht an. Vom krankhaften Übergewicht sind vor allem 40-65 Jährige der Unterschicht betroffen. Die Sterblichkeitsrate bei der Magersucht ist mit bis zu 18% sehr hoch (Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung).
2. Die Thematisierung von Essstörungen im Internet
Im Internet existiert eine Reihe von Informationsangeboten zum Thema Essstörungen. Dazu zählen auch verschiedene Online-Beratungen für an Essstörungen Erkrankte aus der Gesundheitsberatung, wie z.B. http://www.essfrust.de, http://www.magersucht.de, oder http://www.anad-pathways.de. Es werden u.a. virtuelle Hilfsangebote gebündelt und E-mail und Chatberatung sowie moderierte Gruppenchats angeboten. Da Anorexie und Bulimie im Jugendalter bzw. in der Adoleszenz deutlich werden und über 90 % dieser Altersgruppe das Internet nutzen, sind Erkrankte sehr gut über das Medium Internet erreichbar. Selbsthilfeforen von Betroffenen für Betroffene können konstruktive Funktionen haben. Daneben gibt es jedoch auch Foren, die destruktive Umgangsformen mit dem Thema Essstörungen beinhalten und aus diesem Grund aus Jugendmedienschutzsicht problematisch sind. Dazu gehören vor allem sogenannte Pro-Ana (siehe hierzu ausführlich http://de.wikipedia.org/wiki/Pro-Ana) und Pro-Mia Foren. Für Pro-Ana-Foren liegen noch keine empirischen Ergebnisse vor, die die Effekte solcher Foren auf Betroffene oder unbeteiligte Dritte untersucht hätten. Bei ähnlichen als problematisch eingestuften Selbsthilfeforen (z.B. "Suizidforen", Foren zu selbstverletzendem Verhalten) konnten bisherige empirische Studien entdramatisierende Befunde liefern (vgl. Eichenberg, Otto und Fischer, 2006) und "Ansteckungs- und Trigger-Effekte" konnten nicht nachgewiesen werden. Aus klinischer Sicht ist es unwahrscheinlich, dass Menschen suizidal und essgestört "gemacht werden". Stattdessen können Internet-Angebote auch präventive Aspekte beinhalten, die Hinweise auf gesundheitliche Folgen und Therapiemöglichkeiten enthalten. Pro-Ana-Foren können auch positive Effekte haben, da durch sie für Betroffene eine Entlastung, Verständnis und die Überwindung von Scham und somit die Überwindung von Isolation möglich wird. Andererseits kann die Gruppendynamik auch stark negative Effekte haben, wenn selektiv die Beibehaltung der Essstörung und somit ein destruktiver Umgang mit der Krankheit gefördert wird. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Thematik ist daher erforderlich.
3. Unterscheidungskriterien für nützliche und schädliche Informationsangebote im Internet zum Thema Essstörungen
Für eine differenzierte Auseinandersetzung mit Essstörungen soll zwischen konstruktiven und destruktiven Umgangsformen mit dem Thema Essstörungen unterschieden werden. Hierzu wurden die folgenden Kriterien erstellt:
Folgende Kriterien sind wesentlich für die Einschätzung von Foren als konstruktiv:
- Essstörungen werden als psychische, lebensbedrohliche Erkrankungen anerkannt, die heilbar sind und einer therapeutischen Behandlung bedürfen
- Foren integrieren Hinweise auf therapeutische Angebote
- Foren bestimmen ausdrücklich, dass Hinweise auf den destruktiven Umgang mit der Erkrankung weder gewünscht noch geduldet werden, solche Beiträge gelöscht und entsprechende Autoren vom Forum ausgeschlossen werden
Folgende Kriterien sind wesentlich für die Einschätzung eines Forums als destruktiv: Es werden "aussagekräftige" Vorstellungsrunden verlangt und die Erfüllung von Aufnahmekriterien zur Teilnahme am Forum vorausgesetzt. Beispiele:
- Angabe des Gewichts, des BMI, des Zielgewichts
- Abgabe einer Erklärung, in der man eindeutig die "Pro-Ana-Gesinnung" oder "Pro-Mia-Gesinnung" zusichert
- Krankhaftes Schönheitsideal wird propagiert, z.B. "Thinspirations"
Folgende Kriterien stellen eine destruktive Umgangsform mit dem Thema Bulimie dar:
- Ratschläge, welche Nahrungsmittel sich am leichtesten wieder erbrechen lassen
- Ratschläge, wie man sich so übergibt, dass es niemand bemerkt
Folgende Kriterien stellen destruktive Umgangsformen beim Thema Anorexie dar:
- Ratschläge, wie man immer weiter abnehmen kann und die Gewichtsabnahme verheimlicht
- Ratschläge wie man Angehörige am besten über das eigene Essverhalten/ die Existenz der Erkrankung täuschen kann
- Ratschläge, wie man Gewichtskontrollen beim behandelnden Arzt am besten manipulieren kann
4. Weiterführende Literatur und Informationen
Eichenberg, C. (2006). Essstörungen: Informations- und Interventionsangebote im Internet. Psychotherapie im Dialog, 1, 82-85.
Eichenberg, C., Otte, T.A. & Fischer, G. (2006). Suizidselbsthilfe-Foren im Internet: Eine Befragungsstudie. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 1, 30-38.
Giles, D. (2206). Constructing identities in cyberspace: The case of eating disorders. The British journal of social psychology, 45, 3, 463-477.
Grundwald, M. (2003). Essstörungen: Wird das Internet als Informationsquelle von Betroffenen und Angehörigen genutzt? In R. Ott & C. Eichenberg (Hrsg.), Klinische Psychologie und Internet. Potenziale für klinische Praxis, Intervention, Psychotherapie und Forschung.
Kral, G. & Presslich, C. (2002). Analyse und Evaluation von Selbsthilfe-Resourcen im Internet (www) anhand eines Forums für Menschen mit Essstörungen. In M. Brüstle (Hrsg.), Kommunikation der Zukunft – Zukunft der Kommunikation (S.53-63).
Norris, M.L., Boydell, K.M., Pinhas, L. & Katzman, D.K. (2006). Ana and the Internet: a review of pro-anorexia websites. The International journal of eating disorders, 39,6, 443-447.
Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter http://www.bzga-essstoerungen.de
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